Die Geburt und die Stunden danach

20. April 2015:

Gegen 15 Uhr schreiben wir wieder ein CTG. Meine Mama scherzt noch, dass sich der Zwerg wohl weggedreht hätte, da stürmt die Oberärztin ins Zimmer und von ihrem Gesichtsausdruck wird mir übel. Sie reisst mir die Kabel vom Bauch und sagt: In einer halben Stunde sind wir im OP!

Dann ist sie weg. Die Tür steht auf. Ich schaue ungläubig zwischen der Tür und Mama hin und her. Meine Mama weint. Ich weine mit.

Dann geht alles plötzlich ganz schnell. Eine Hebamme kommt, erklärt mir was nun passiert, der Narkosearzt kommt gleich. Sie rasiert mich dort, wo der Schnitt gemacht wird. Ich telefoniere mit meinem Mann, meine Mama bestellt ihm zeitgleich ein Taxi. Mehr Zeit bleibt nicht, denn schon bin ich auf dem Weg in den OP.

Ich habe das Gefühl, zu träumen. Ich halte das alles für unmöglich, möchte laut loslachen, mich für die Show bedanken und gehen. Doch ich gehe nirgendwohin. Ich werde geschoben.

Kurz vor dem OP-Saal treffe ich auf den Kinderarzt von gestern. Ich bin froh, dass er da ist. Ich habe Angst. Er fragt, wie der Kleine heißen soll. Ich sage es ihm. Er buchstabiert und fragt, ob das richtig ist. Er ist mir sympathisch, ich hasse Rechtschreibfehler.

Kurze Zeit später liege ich im OP, bekomme die Spinalanästhesie gelegt und hoffe, dass mein Mann es rechtzeitig schafft. Da kommt schon eine Schwester und sagt mir, dass er draussen wartet. Ich bin erleichtert. Ich habe unfassbare Angst. Ich denke wieder, ich träume. Ich will hier weg. Ich will dich behalten.

Dann muss ich mich hinlegen. Ich folge den Anweisungen wie ein Roboter. Ich werde für den Kaiserschnitt vorbereitet, dann darf mein Mann rein. Ich kann ihn gar nicht ansehen, mir ist schlecht, ich will hier weg und ich habe Angst.

Wenige Minuten später bist da. 15:52 Uhr. Du schreist. Du bist so winzig klein, dass ich dich im Arm der Schwester gar nicht sehe. Du wirst weggebracht. Irgendwo ins Nebenzimmer. Ich höre nur ein kurzes „Es geht ihm gut!“. Dann werde ich zusammen genäht. Mir ist schlecht. Die Minuten fühlen sich an wie eine Ewigkeit. Dann kommt eine Schwester. Sie hält mir eine Digitalkamera vors Gesicht. Darauf ein winzig kleines Baby mit gestrickter Mütze und grünem Schlauch in der Nase. „Es geht ihm gut! Er ist soweit stabil!“ höre ich und sie lacht. Ich schaue auf das Foto und eine Welle der Liebe überkommt mich. Aber auch Angst, unfassbare Angst. Sie geht wieder weg, verspricht mir gleich ein richtiges Foto zu bringen. Mein Mann ist blass und mir ist schlecht. Ich spucke etwas. Einfach zur Seite, es ist mir egal.

Nachdem ich versorgt bin komme ich in den Aufwachraum. Meine Mama wartet dort auf mich, mein Mann kommt auch. Ich lache. Ich glaube, weil ich Panik habe. Ich lache einfach. Meine Mama sagt meiner besten Freundin Bescheid und ich verlange mein Handy. Ich muss ihr schreiben und ich brauche etwas zu tun, verdammt.

Dann schau ich das Foto an. Immer wieder. Man hat es ausgedruckt und in eine Karte gesteckt. Ich schaue es an. Du bist wunderschön. Klein, natürlich, aber wunderschön. Deine Augen sind noch zugeklebt, deine Haut durchsichtig, deine Nase sieht aus wie meine.

Nach einiger Zeit kommen sie vom Zimmer gegenüber. Ich darf dich sehen. Unser erstes Treffen findet auf dem Flur bei den Kreißsälen statt. Du kommst in einem riesigen Transportinkubator und ich werde im Bett auf den Flur geschoben. Da ist der Kinderarzt. Er lacht und sagt: „So ein Wonneproppen! Er wiegt stolze 850 Gramm! Es geht ihm gut!“ Er drückt meine Hand. Und ich bin ihm unendlich dankbar. Dann öffnet er ein Türchen und ich darf mein Baby anfassen. Du bist so winzig. Ich streichle mit der Seite meines Mittelfingers über deine kleine Hand. Das Gefühl wird mir lange in Erinnerung bleiben. Ich weiß nicht, wie lange wir dort stehen, bis der Kinderarzt sagt, sie müssen nun aber auf die Station. Ich schaue ihnen hinterher. Ich weine. Ich will mit. Ich hab Angst. Aber es geht dir gut und nur das zählt.

 

Ich bekomme ein Zimmer auf der Entbindungsstation und ziehe dorthin. Dann kommt meine beste Freundin. Sie ist fix und fertig, ich sehe es ihr an. Irgendwann schicke ich sie und meinen Mann nach Hause.

Ich weiß nicht, wie ich die Zeit verbringe, aber schließlich ist es 23 Uhr und ich muss aufstehen. Die Schwester kommt und hilft mir, mich ein wenig frisch zu machen, aufzustehen und versorgt mich mit allem möglichen. Als ich nach meinem Sohn frage, zwinkert sie mir zu und sagt, sie komme gleich wieder, sie müsse telefonieren. Als sie kommt, lacht sie und fragt mich, wie es mir denn geht, ob ich transportfähig wäre. Ich verstehe nichts, bejahe jedoch. Und dann bringt sie einen Rollstuhl, ich quäle mich hinein und wir fahren um kurz vor Mitternacht vom 5. Stock ins 2. UG. Gleich sehe ich dich. Ich bin nervös.

Die Schwester schiebt mich in ein Zimmer mit 4 Inkubatoren. Rechts am Fenster steht unserer. Es ist dunkel, die Monitore leuchten, hier und da piepst etwas. Sie klappt die Decke hoch und da liegst du. Die Hand auf dem Kopf, als würdest du denken: „Jetzt kommt die nachts auch noch daher!“

Ich sitze ehrfürchtig vor dem Inkubator und kann nicht glauben, was ich da sehe. Du bist unfassbar klein, doch es schockiert mich nicht. Ich liebe dich. Von jetzt für immer. „Und wenn ich für dich fliegen muss…“ sage ich.

Ich mach 20 Fotos in drei Minuten, dann beobachte ich dich einfach. Du schläfst. Du atmest. Du wirkst zufrieden. Und plötzlich verstehe ich: Ich bin deine Mama! Und ich muss dich hier lassen, ganz lange! Als ich wieder auf dem Zimmer bin, weine ich.