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Wenn die Familie und der Freundeskreis an einer Extremsituation zerbricht…

Lange hab ich überlegt, ob ich über das folgende Thema sprechen bzw. schreiben soll – oder nicht. Immer wieder hab ich es vor mir her geschoben, aber schlussendlich hab ich diesen Blog nicht gestartet, um nette Fotos meines Kindes zu zeigen, sondern das Leben mit einem Extremfrühchen, einem kranken Kind, einem beatmeten Kind oder einfach einer Extremsituation zu zeigen – und das eben auch mal ungeschönt.

 

Als Philipp auf die Welt kam, gab es viele verschiedene Reaktionen. Alle waren natürlich erstmal schockiert und betroffen. Es haben sich viele Menschen gemeldet – und sogar gratuliert, was mit einem Frühchen leider nicht der Regel entspricht – wo vorher der Kontakt sehr wenig war. Aber es sind auch Menschen verschwunden… Manche gleich zu Beginn, manche im Laufe der 205 Tage, die wir im Krankenhaus verbracht haben und manche auch noch lange danach.

Wenn man ein Baby bekommt, geht man nach durchschnittlich 3 bis 5 Tagen nach Hause. Mit dem Kind. Alles ist neu, aufregend, spannend, man ist ängstlich, man muss in die neue Situation reinwachsen und mit dem Kind zusammenwachsen. Jeder will das Baby sehen und kennenlernen, alle wollen einen besuchen, alle gratulieren und bringen Geschenke.

Wenn man ein Frühchen, Extremfrühchen oder ein krankes Baby bekommt, denkt man erst einmal nicht ans Heimgehen, sondern ans Überleben. Irgendwann geht man nach Hause, ohne Kind. Das Gefühl, mit Baby im Bauch und ohne Baby im Arm in die leere Wohnung zurückzukommen, ist kaum erträglich. Augen zu und durch.
Alles ist auch hier neu, aufregend und man ist ängstlich. Doch die Angst hat einen Namen. Die Angst, das eigene Kind kommt vielleicht nie nach Hause…
Man muss in die neue Welt hineinwachsen, man steht nicht zu Hause vor dem Babybett, sondern auf der Intensivstation vor einem Inkubator oder Wärmebettchen. Man redet nicht mit den Nachbarn, sondern mit Ärzten, Schwestern und Klinikpersonal.
Keiner will einen besuchen und niemand kann das Kind sehen. Nur wenige trauen sich, den Eltern zu gratulieren. Man gehört schlagartig nicht mehr zu der Welt da draussen, sondern lebt plötzlich und meist ohne jegliche Vorwarnung erstmal in einer ganz anderen Welt. Man sieht und erlebt Dinge, die man nie vergisst und nie erleben wollte. Man ist total fremdbestimmt und legt das eigene Leben erst einmal aufs Eis…

In dieser Situation braucht man die Familie und die Freunde mehr, denn je. Man braucht Menschen, die einem zuhören, die einen trösten, die verstehen dass man aber nicht gut gelaunt zum Kaffeeklatsch kommt, auch wenn man sich auf die 2 Stunden Abwechslung sicherlich freut, ist man mit den Gedanken im Krankenhaus. Man braucht Menschen, die verstehen, dass man eine Zeit lang nicht mehr so funktioniert wie früher und dass man auch sich selbst erst wieder suchen muss.
Wenn sich Freunde und Familie plötzlich nicht mehr melden, weil sie vielleicht nicht mit der Situation umzugehen wissen, merkt man das manchmal erst gar nicht. Manchmal wird einem erst nach Tagen oder sogar Wochen bewusst, wie lang man von Person A oder B nichts mehr gehört hat oder sich selbst nicht gemeldet hat. Weil man nur für das Kind lebt. Man hat einen Tunnelblick. Man hat keine Zeit und keine Geduld, sich viel für andere Dinge zu interessieren. Natürlich sind einem Freunde und Familie wichtig, aber wenn bei denen alles „gut läuft“, denkt man (leider) oft nicht weiter darüber nach und konzentriert sich wieder auf sich und das Kind, das in den meisten Fällen ja um sein Leben kämpft. Tagtäglich.

 

In den letzten Tagen bin ich total fasziniert durch die bayerischen Wälder gefahren und habe gestaunt über die Farbenpracht des Herbstes. Die Bäume, die Blätter, das Grün, Orange, Gelb, Braun und das wundervolle Rot. Das viele Laub, die großartige Vielfähltigkeit der Bäume… bis mir schlagartig die Tränen kamen, weil mir bewusst wurde, dass ich das alles letztes Jahr nicht gesehen habe. Philipp und ich waren in München, in der Haunerschen Kinderklinik. Ich hab einfach keine (bzw. kaum) Bäume gesehen, von einem Wald mal ganz zu schweigen.
Sicher, es war nur ein Herbst. Einer von vielen. Doch es war Philipps erster Herbst. Mein erster Herbst als Mama. Und wir sind nicht mit dem Kinderwagen durch diese Farbenpracht spaziert.

Es gibt Menschen, die diese Gefühle nicht kennen und nicht verstehen. Das ist gut, denn somit mussten sie sie nicht erleben. Aber für mich ist es traurig, nicht verstanden zu werden. Und wenn alles, was man sagt, nicht verstanden wird oder sogar als „nicht so wichtig“ eingestuft wird, tut das weh.

Durch Philipps Geburt haben wir viele Menschen verloren. Bzw. den Kontakt zu ihnen. Das Vertrauen zu ihnen. Die unbeschwerte Leichtigkeit. Das Gefühl, ihnen wichtig zu sein. Der Kontakt und die Verbindung zu vielen Menschen ist zerbrochen. Damals war ich traurig. Heute habe ich verstanden, dass es so viel besser ist. Und es sind auch viele, viele wertvolle, großartige Menschen dazu gekommen. Danke hierfür. ♥

Wenn Ihr Eltern kennt, die gerade eine harte Zeit durchmachen, wartet auf sie… Sie kommen zurück in eure Welt, irgendwann und irgendwie, und sie werden euch erklären und erzählen, was sie erlebt haben. Wenn Ihr auf sie wartet… ♥

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2 Gedanken zu “Wenn die Familie und der Freundeskreis an einer Extremsituation zerbricht…

  1. Weber jenny schreibt:

    Wow du schreibst es so das mir die Tränen gekommen sind
    Als ich zum ersten mal deine Seite aber Philipp von meiner mam gelesen hab war ich erstaunt wie mann mit so wenige Sätze einen tief berühren kann ich selber durfte deinen kleinen Sonnenschein sehen zwar nur zufällig aber dieser eine Augenblick war es schon wert weil er einfach dich und deinen Mann zum strahlen bringt er ist so süß und auch wenn Freunde gehen kommen neue hinzu die besser in dieser Situation um gehn können
    Ich und meine Familie wünschen dir und deine Familien noch sehr viele glückliche Jahre mit eurem Sonnenschein und wer weiß vielleicht Word er ja mal ein großer Bruder und wenn nicht er hat ganz viele Freunde die vllt auch ein frühchen waren LG jenny Weber

    Liken

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