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Happy Birthday, Kanüle.

22. September 2015:

Der Tag, an dem du die Kanüle bekommst. Ich hatte so eine Angst, ich war mir so unsicher. Machen wir einen großen Fehler? Oder ist es richtig? Was kommt da auf uns zu? Ich hab mich dumm und deppert gegoogelt und seitenweise Informationen in mich hineingepumpt, und trotzdem hatte ich eigentlich keine Ahnung.

Ich stehe im Krankenhausflur. Oma und Papa sind extra gekommen, um dir und mir beizustehen. Doch wir können gar nix tun. Ich seh dich noch kurz, dann kommst du in den OP. Wir warten. Und warten. Und warten. Irgendwann kommst du zurück und ich darf dich ganz kurz sehen.

Du bist noch völlig matt von der OP und schläfst noch. Dein Kinn ist orange von der OP-Desinfektion. In deinen Augen klebt Salbe, damit diese nicht austrocknen. „Das macht man so“, wird mir gesagt. Und da ist sie. Die Kanüle. Sie hängt an deinem Hals. Nein – sie hängt IN deinem Hals! Ich bin ein paar Minuten bei dir, dann sollen wir dich in Ruhe lassen.

Ich weiß nicht, wie wir den Tag rumkriegen. Wir sitzen im Omnibus (Elternunterkunft auf der anderen Straßenseite), trinken Kaffee und versuchen uns zu unterhalten.

Abends besuchen wir dich nochmal.

Als ich zu dir reinkomme und dich nochmal mit der Kanüle ansehe, bekomme ich Panik. Es kribbelt und krabbelt in mir. Mir wird heiß, und kalt. Ich zittere. Ich sitze vor deinem Bettchen, sehe dich an und mir schießen die Tränen ins Gesicht. WAS HAB ICH GETAN? Ich hab meinem Baby ein LOCH in den Hals schneiden lassen! Wirst du mir das je verzeihen? War das wirklich nötig? Du hingegen bist so tapfer, du bist schon wieder fit und schaust mich an.

Ich sage dir Gute Nacht, verabschiede mich von Oma und Papa und gehe in die Elternunterkunft. Dort heule ich mir die Augen aus dem Kopf und bin mit meinen Gefühlen vollkommen überfordert.

 

 

 

23. September bis 05. November 2015:

Am nächsten Tag komme ich zu dir und du bist wie ausgewechselt. Du bist so wach und munter, wirkst so fit und glücklich. Und du benötigst statt 70-80% Sauerstoff nur noch 30-40%! Das hat mir sehr geholfen. Es hat mir gezeigt, dass es richtig war. Du zeigst mir, dass es richtig war.

Die folgenden Tage und Wochen wird mir alles gezeigt und erklärt, aber selbst Hand anlegen darf ich noch nicht.
Ich weiß gar nicht mehr, wie lang es gedauert hat, aber irgendwann hat es mir gereicht. „Das ist mein Kind, er gehört MIR und ich werde jetzt lernen, ihn alleine aus dem Bett und wieder hinein zu legen.“ sag ich zu mir. Ich schnapp mir eine Schwester, lass es mir zeigen.
Die erste Zeit ist noch gefährlich, dein Tracheostoma ist noch nicht verheilt und wenn die Kanüle rausflutscht, weil man den Schlauch einklemmt, könnte es zugehen. Zwar sind noch 4 Fäden mit kleinen Bommelchen dran, damit man das Loch rasch wieder aufziehen könnte, aber besser wäre, es passiert nix.

Ich bin so stolz, als ich dich das erste Mal alleine ins Bett lege. Man muss sich das mal vorstellen: Ich hab dich schon fast fünfeinhalb Monate selbst versorgt und dann steh ich da und kann NICHTS mehr. Das Gefühl war kaum auszuhalten.
Es wird besser und besser, je mehr ich übe. Den ersten Kanülenwechsel macht der Oberarzt, den zweiten eine Schwester und dann bin ich dran.
3 Wochen nach der OP. Mit Publikum. Da ist der Oberarzt, der mir über die Schulter sieht. Da ist eine Schwester, die neugierig ist. Da ist eine Lehrschwester, die zusehen muss und die Schwester, die mit mir den Wechsel macht. Ich schwitze, aber ich werd das jetzt durchziehen. Nur wenn ich alles kann, darfst du nach Hause. Augen zu und durch.
Und du bist so toll! Du hälst dich still und bist ganz brav, damit ich das in Ruhe machen kann. Ich bin dir so dankbar. Ich weiß, das machst du extra für mich. Du weißt, um was es geht. Du bist so großartig.

Bald beherrsche ich die Pflege. Grundsätzlich. Sicher fühle ich mich keineswegs, aber die Station lobt mich. Sehr gut, sehr schön, Sie machen das toll. Ja, blabla, ich will nach Hause, denke ich.
Ich übe und lerne, ich pflege und wechsle, ich sauge ab, ich nehme dich selbst aus dem Bett und ich lege dich selbst wieder hinein. Ich kümmere mich wieder vollends um dich. Ich unterstütze dich bei deinen Pressphasen (normale, erste Reaktion der Kinder auf die Kanüle und Beatmung. Das Kind „presst“ und lässt praktisch keine Luft in den Körper.) – auch wenn du fast lila im Bett liegst. Ich bin da. Das hilft mir. ICH bin deine Mama. Ich kann dir helfen.
Doch auch dein Papa muss mal ran. Ich gehe und lasse euch das alleine machen, die Schwester ist ja da. Es fällt mir sehr schwer, aber ich will deinen Papa nicht nervös machen, wenn ich danebenstehe. Ausserdem kann ich dann meine Klappe nicht halten…

So hangeln wir uns bis zum 05. November 2015. Ich kann es kaum erwarten, bis das Team kommt und wir endlich, endlich wieder nach Deggendorf verlegt werden. Es war mein großer Wunsch, nochmal dort Halt zu machen. Ein paar Tage, damit dich die Station so kennenlernt und damit wir zu Hause noch klar Schiff machen können…

 

Und heute? Heute ist der 22. September 2016. Du hast die Kanüle nun ein Jahr. Fazit?

Ich bin unendlich froh, dass wir den Schritt gegangen sind. Es war das beste für dich. Natürlich war es hart, schwer, anstrengend, nervenaufreibend. Natürlich haben dein Papa und ich oft gestritten, oft gezankt, ich war wirklich oft unausstehlich. Aber es war richtig.

Nun, ein Jahr später, sind wir ein eingespieltes Team und du hast dich so großartig entwickelt. Alle Ängste und Sorgen sind weggeblasen, denn du bist ein Held. Unser Held. 

 

 

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